Selbstverteidigung für Mitarbeiter

Von Dr. Matthias Wolter (24.09.2021)

Der Wunsch, sich in Bedrohungs- und Gefahrenlagen angemessen körperlich verteidigen zu können, ist natürlich nachvollziehbar. Immer wieder liest man von Übergiffen auf Unschuldige: Personen werden auf offener Straße mit Messern angegriffen, Frauen sexuell belästigt, Menschen nachts überfallen, Mitarbeiter werden bedroht und zum Teil schwer verletzt und viele weitere angsteinflößende Situationen. Aus diesem Grund gibt es aus meiner Wahrnehmung einen steigenden Wunsch, Selbstverteidigung zu erlernen. Am besten in einem Kurs oder Firmenseminar..

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SELBSTVERTEIDIGUNG, IMMER EINE GUTE IDEE?


VORSICHT VOR FALSCHEN VERSPRECHUNGEN!

Kurse und Seminare, die in kürzester Zeit die Fähigkeit zur Selbstverteidigung versprechen, sind aus meiner Sicht sehr kritisch zu betrachten. Aus welchem Grund? Ich selbst habe 25 Jahre intensiv Kampfsport betrieben, 5-7 Tage die Woche hart und oft sehr realistisch trainiert und kann 4 schwarze Gürtel mein Eigen nennen. Zudem galt ich als Experte für realistische Selbstverteidigung und Straßenkampf. Gerade mit diesem Erfahrungshintergrund habe ich mir die Frage gestellt, warum ich 25 Jahre hartes Training brauchte, wenn doch ähnliche Fähigkeiten auch in einem Kurs erlangt werden können.

AUSGANGSLAGE EINES POTENZIELLEN GEWALTTÄTERS

Schauen wir uns einmal einen potenziellen Gewalttäter und mögliche Gefahrensituationen an. (Ich schreibe in männlicher Form, da körperliche Gewalt eher eine männliche Domäne ist.) Ein Täter möchte körperliche Gewalt, mit welchem Ziel auch immer, anwenden. Somit hat er gegenüber dem möglichen Opfer zunächst den Vorteil, dass er sich im Vorwege überlegen kann, ob er dazu psychisch und physisch in der Lage ist. Wenn ja, kann er sich den Ort, die Zeit und das potentielle Opfer aussuchen. Das ist ein nicht unerheblicher Vorteil gegenüber dem Opfer, welches die Situation so nehmen muss, wie sie kommt.

Des Weiteren ist ein Täter voll mit Adrenalin, das lässt sich angesichts seines Vorhabens gar nicht vermeiden. Adrenalin hat u.a. die Funktion, das Schmerzempfinden zu reduzieren, d.h. man muss schon ordentlich „zulangen“, damit der Angreifer überhaupt etwas merkt. Um es auf den Punkt zu bringen: ein Täter geht möglicherweise „gut vorbereitet“ in eine Übergriffssituation.

Gewalttäter haben bei einem Angriff den Vorteil der Überraschung. Das macht Selbstverteidigung für Mitarbeiter schwerer.
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AUSGANGSLAGE EINES POTENZIELLEN OPFERS

Eine Person, die angegriffen wird, hat all das eher nicht. Wann, wie und wo man angegriffen wird, ist im Vorwege nicht bekannt. Zudem kann man sich seinen Angreifer nicht aussuchen, insbesondere nicht jemanden, der schwächer ist. Und normalerweise verfügt man nicht über trainierte Angriffs- und Verteidi-gungstechniken. Zusammengefasst: es ist eine sehr schwierige Ausgangslage, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen.

KEINE EINFACHEN ANTWORTEN AUF EIN WORST CASE!

WIE GEHT DENN JETZT „SELBSTVERTEIDIGUNG FÜR MITARBEITER“?

Diese Frage ist nur schwer pauschal zu beantworten. Es fließen bei der Betrachtung wieder die Fragen WANN, WER, WO und WARUM mit ein. Geht es um häusliche Gewalt? Um einen Übergriff in der Öffentlichkeit oder in einer einsamen Gegend? Handelt der Täter aus dem Affekt oder hat er einen Plan? Geht es bei der Tat um Raub oder um eine gezielte Verletzung des Opfers? Rastet jemand gerade aus und verliert die Selbstkontrolle? Mit oder ohne Einwirkung von Alkohol, Drogen oder einer psychischen Erkrankung? Man kann in Betracht ziehen, ob es sogar einen, zumindest ein Stück weit, nachvollziehbaren Grund für die Aggression gibt?

GEGENSEITIGES HOCHSCHAUKELN

Viele körperlichen Aggressionen schaukeln sich hoch, die Emotionen steigen. Das gilt insbesondere für persönliche und gruppendynamischen Konflikte. Liegt das subjektive Erleben einer Ungerechtigkeit vor, gegen die man ankämpfen muss oder geht es um die Verteidigung der Ehre? Es gibt eine Vielzahl von möglichen Motiven, die eine Gegenreaktion beeinflussen.

SELBSTVERTEIDIGUNG FÜR NICHTKAMPFSPORTLER

Bei den Vorüberlegungen für eine effektive Selbstverteidigung, darf nicht übersehen werden, dass es sich bei den potentiellen Opfern in der Regel um Nichtkampfsportler handelt. Also Menschen, die nicht monate- oder jahrelang Hebel- oder Wurftechniken trainieren konnten oder wollten. Zudem vielleicht aufgrund des Alters, Größe, körperlichen Zustand oder psychischen Disposition nicht die optimalen Voraussetzungen für eine körperlichen Gegenwehr mitbringen.  

SIEBEN HANDLUNGSEBENEN (K7)

Aus meiner Sicht gibt es mindestens SIEBEN Phasen einer Gefahrensituation, man könnte dies weit gefasst auch als „Gefahrenradar“ bezeichnen:

K 1. Präventives Handeln

Das Unternehmen und seine Mitarbeiter überlegen sich im Vorfeld, ob Gefahrensituationen bereits im Vorfeld verhindert oder abgeschwächt werden können. Das ist natürlich nicht in jedem Fall möglich, aber es sollte jede Möglichkeit genutzt werden. Wir als Kompetenz Sieben haben dazu ein Konzept entwickelt. Weitere Infos finden Sie hier unter MITARBEITERSICHERHEIT.

K 2. Die Flucht

So simpel es klingt, so effektiv ist es doch, sich möglichst schnell aus der Gefahrensituation zu bringen. Leider ist dies, insbesondere am Arbeitsplatz, nicht immer möglich.

K 3. Effektive Deeskalation

Für mich der Schwerpunkt in der Ausbildung der Mitarbeiter. Kommunikative Lösungsstrategien und deeskalierende Techniken sind nachhaltiger zu erlernen und anzuwenden, als Kampftechniken mit ungewissem Ausgang. 

K 4. Technische Vorkehrungen nutzen

Wenn möglich, sollten technische Möglichkeiten genutzt oder auf sie verwiesen werden, wie Notfallknopf, Kameras, etc.

K 5. Aufmerksamkeit herstellen

Gerade wenn es darum geht, einen Menschen nicht in der Öffentlichkeit anzugreifen, ist es einer der Hauptmotive des Täters nicht erkannt zu werden. Daher sind die laute Herstellung von Öffentlichkeit und die gezielte Ansprache von Passanten u.a. eine Möglichkeit, dass Motiv des Täters für sich zu nutzen.  

K 6. Körperlicher Selbstschutz

Die eingesetzten Techniken müssen effektiv, einfach und umsetzbar sein. Es sollten nicht mehr als 3-5 Techniken regelmäßig trainiert werden.

K 7. Nachbetreuung für Mitarbeiter

Auch nach einem Übergriff oder dem Erleben einer kritischen Situation sollte der Blick auf den Menschen nicht abgewendet werden. Im Nachhinein kann der Mitarbeiter Unterstützung benötigen, den Vorfall angemessen zu bearbeiten. Wir sollten das Opfer auch nach der Tat nicht alleine lassen!

KERN DER KÖRPERLICHEN SELBSTVERTEIDIGUNG

In der Vermittlung von Selbstverteidigungstechniken stehen für mich zwei Paradigmen an erster Stelle:

  1. Die Selbstverteidigungstechniken müssen einfach sein!
  2. Es sollten maximal fünf Techniken vermittelt werden!

Die Gründe hierfür sind u.a. beim Thema „Handeln unter Stress“ (hier finden Sie unser Trainingsangebot dazu) zu finden. Es ist sehr schwer unter Stress das „Richtige“ zu tun. Vielleicht kennen Sie das auch, dass Sie unter Wut Aussagen von sich geben, die Sie im ruhigen Zustand nicht gesagt hätten.

STRESS ERSCHWERT EINE EFFEKTIVE SELBSTVERTEIDIGUNG!

So kann es sich auch bei der Selbstverteidigung verhalten; man setzt nicht die bestenfalls gerade erst gelernten Selbstverteidigungstechniken ein, sondern wir greifen in die Schublade unserer Urmuster, d.h. dass was wir tun oder unterlassen, kommt eher aus dem tief im Gehirn angelegten Kampf- oder Fluchtmuster des jeweiligen Menschen und basiert selten auf eine clevere Selbstschutzstrategie. Das kann es auch Kampfsportlern passieren, dass sie trotz jahrzehntelangen Trainings auf einmal unbedacht und unspezifisch handeln.   

EINFACH, WENIG, ABER EFFEKTIV

Daher ist auf komplexe Techniken zu verzichten, da der korrekte und sichere Ablauf unter hohem Stress für einen Nichtkampfsportler nicht oder kaum abrufbar sein wird. Die Techniken müssen so einfach, aber auch so effektiv wie möglich für den jeweiligen Einsatzzweck sein.

Aus meiner Sicht kann ein Mensch, ob Anfänger oder Profi, unter massivem Stress maximal 3-5 Techniken gezielt abrufen und einsetzen. Daher sollten wenige Techniken möglichst lange und intensiv trainiert werden. Sie werden kaum einen geübten Schläger finden, der im Kampf 10-15 Techniken einsetzt.

STRESSBESETZTES ÜBEN

Ein Selbstverteidigungstraining für Mitarbeiter sollte aus meiner Sicht zwingend Trainingsanteile unter Stress beinhalten. Um die Teilnehmer auf Angst- und Stresssituationen vorbereiten zu können. Und die Abrufbarkeit der 3-5 Techniken in Gefahrensituationen deutlich zu verbessern.

Aus diesem Grund haben wir ein Impuls- und Selbstkontrolltraining entwickelt, dass die oben genannten Kompetenzen gezielt trainiert. Dazu finden Sie auch etwas in einem unserer Trainingsseiten.

WAS BIETET KOMPETENZ SIEBEN AN?

In diesem Blog können wir nicht alle unserer Techniken, Tipps und Strategien zur Selbstverteidigung darstellen. In unserem Training „Selbstverteidigung für Mitarbeiter“ und dem Konzept zur „Mitarbeitersicherheit“ können wir mit Ihnen gemeinsam daran arbeiten, sich auch in schwierigen Situationen effektiv und sicher zu schützen.

IHR FEEDBACK FREUT UNS!

Wenn Ihnen dieser (wie immer viel zu kurze oder zu oberflächliche) Meinungsblog gefallen oder auch nicht gefallen hat, schreiben Sie mir gerne ein Feedback. Auch wenn Sie Anregungen für einen neuen Blog haben, freue ich mich über Ihre Zuschriften.

Ihr Matthias Wolter

wolter@kompetenz-sieben.de